Mit Keren Cytter, Omer Fast, Annette Kelm und Danh Vo wurden Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, deren Arbeiten von tiefgreifenden Reflexionen über unsere Wahrnehmung und unser Verhältnis zu Kunst und Gesellschaft geprägt sind. Die von den Künstlern jeweils ausgewählten Sujets und ihre Vorgehensweisen könnten jedoch unterschiedlicher kaum sein. Dementsprechend vielfältig ist die Präsentation der Werke im Hamburger Bahnhof ausgefallen. Selten oder kaum genutzte Nebenräume wurden bewusst in die Inszenierung der Werke mit einbezogen. So beginnt die Ausstellung mit einem Ausflug in die Botanik:


Foto: David von Becker

Danh Vo hat auf dem Dach des historischen Übergangs einen Garten angelegt, mit Pflanzen, die ehemals französische Missionare bei ihrer Rückkehr aus Vietnam nach Europa eingeführt haben. Vom Künstler wurden diese Pflanzen in einer Fachgärtnerei in Nordrhein-Westfalen ausgesucht, die als Nachkommen der ursprünglich eingeführten Sorten gelten können, darunter vor allem verschiedene Rhododendrenarten. Schilder und Bändchen an den Pflanzen kennzeichnen noch auf dem Dach des Hamburger Bahnhofs die jeweiligen Sorten und weisen die Pflanzen als Belegstücke aus: es geht nicht um die Romantik eines Gartens, sondern um die bis heute spürbaren Folgen einer Kolonialgeschichte. Gegenständliche Objekte wie ein Schwert, ein Gewehr, ein hölzernes Grabmal, die Danh Vo im gegenüber liegenden Galerieraum zeigt, verweisen in anderer Weise auf die Vorgeschichte von Vietnam. Am prominentesten sicherlich ein originaler Kronleuchter aus dem Hotel Majestic in Paris, den Danh Vo nach langen Verhandlungen erwerben konnte und unter dem 1973 die Vietnam- Friedenskonferenz stattfand. Bei allen Objekten von Danh Vo vermischt sich diese politische oder auch metaphorische Aufladung der Dinge zugleich in überraschend subjektivem Gestus mit der eigenen Biografie des Künstlers.


Fotos: David von Becker

Omer Fast hat unter dem Titel „Nostalgia“ eine filmische Trilogie geschaffen, die inhaltlich und räumlich eine eigene, raffinierte Dramaturgie aufweist. Alle drei Filme gehen dabei auf die reale Situation eines westafrikanischen Flüchtlings zurück, der in London um Asyl bittet. Auf einem Flatscreen noch außerhalb des eigentlichen Filmraumes trifft man auf „Nostalgia I“ - einen Film, der einen britischen Wildhüter beim Bau einer einfachen Tierfalle zeigt. Eben diese Handlung beschreibt der afrikanische Flüchtling im Original-Interview, dessen Tonspur in „Nostalgia I“ erhalten geblieben ist. Im zweiten, nun als Zwei-Kanal angelegten Film sieht man ein virtuoses Interview, erneut zur Geschichte des Flüchtlings, jedoch vom Künstler filmisch ganz neu interpretiert wurde. In „Nostalgia III“ schließlich, einer Großprojektion am Ende des schneckenartig aufgebauten Filmraumes von Omer Fast, trifft man auf Elemente der gleichen Flüchtlingsgeschichte, hier allerdings übertragen in alptraumhaft angelegten Szenen: die zum Teil phantastisch anmutende Handlung ist weit von unserer heutigen Realität entfernt und ähnlich wie der Kinofilm „Blade Runner“ eher in einer „alternativen Vergangenheit“ (Omer Fast) angesiedelt. Omer Fast zielt in der Verschränkung der drei Filme auf die Frage nach dem Umgang mit Geschichte und Realität in den Massenmedien, insbesondere nach der Erzählstruktur im narrativen Film. Nicht nur Dokument und Fiktion verbinden sich im Gesamtprojekt „Nostalgia“, sondern gerade auch das High and Low der filmischen Mittel: sie reichen von einfachen Interview-Szenen bis hin zu aufwändig inszenierten Handlungen, die in ihrer technischen Brillanz dem großen Kino nahekommen.


Foto: David von Becker

Annette Kelm zeigt eine Auswahl ganz neuer Arbeiten, in einer sehr klar angelegten, offenen Präsentation. Die Bilder selbst geben Rätsel auf. Was auf den ersten Blick einfach oder gar überschaubar erscheinen vermag, wirkt bei näherer Betrachtung seltsam und tiefgründig. Immer scheint sich etwas Unpassendes oder Absurdes in die Bilder geschlichen zu haben. Bei der Serie zu einem Sonnenblumenfeld etwa verunsichern die Perspektive und das scharfe Licht. Bei „Michaela, Coffee Break“ verwundert die ungelenke Haltung der porträtierten jungen Dame. Warum hält sie den Becher so hoch? Handelt es sich um das Zitat einer altmodischen, in der Malerei verwendeten Geste? All diese Fragen bleiben offen. Annette Kelm schafft durch krude Zusammenstellungen Irritationen, die Neugierde wecken, die nach Zusammenhängen suchen lassen. Besonders aufschlussreich ist in dieser Hinsicht ihre Serie zu Fotografien von Herbert Tobias - einem wichtigen Porträtfotografen der 60er und 70er Jahre. Dessen späte Arbeiten für Plattencover und ihre Präsentation in einem Museum hat Annette Kelm fotografisch dokumentiert und damit die kulturelle Schichtung deutlich gemacht, der man bei jeder Art von Rückblick ausgeliefert ist. Gerade dieses Zusammenspiel von eigentümlichen Verweisen und Erinnerungen ist es, was die Werke von Annette Kelm auszeichnet und innerhalb der jüngeren Fotografie-Entwicklung einzigartig macht.

Keren Cytter hat für die Ausstellung drei neue Filme geschaffen, die in ihrer Grundidee auf extreme Nachrichten im Internet zurückgehen. Diesen Meldungen zufolge ereigneten sich Anfang des Jahres 2009 drei jeweils haarsträubende Geschichten: Eine Frau, die nach einem Kopfschuss wieder aufsteht und weiterlebt; ein Mann, der zweimal aus dem fünften Stock eines Hochhauses springt und ebenfalls überlebt; ein weiterer Mann schließlich, der auf offener Straße umgebracht wird, und zwar angeblich „mit elf Messerstichen in fünf Sekunden“. Für ihre Filme hat Keren Cytter diese grauenerregenden Szenen mit Schauspielern nachgestellt und die theatralische Inszenierung sichtbar gelassen. Auch die filmischen Dialoge sind deutlich als Erfindung der Künstlerin zu erkennen. Zusammen mit dem teilweise recht trashigen Interieur und einer coolen Remix-Musik aus Kriminalfilmen der 60er Jahre entstehen poetische Überzeichnungen der Geschichten, die bis ins Surreale reichen. Die Filme lassen sich am Ende eher als freie psychologische Studien begreifen, die Endsituationen des Menschlichen ausloten. Besondere Dramatik wiederum erhalten sie durch ihre Projektion in Nebenräume des Hamburger Bahnhofs, zum Beispiel die Aufführung eines Filmes in einem engen Treppenhaus - dem „klassischen“ Ort eines Krimis. So umspielen die Filme von Keren Cytter virtuos immer auch unsere Klischees von Gewalt und Tod, wie sie in Film- und Fernsehgeschichte überaus präsent sind.


Fotos: David von Becker

Alle Werke der Künstler entstanden mit Unterstützung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. Das Filmprojekt „Nostalgia“ von Omer Fast wurde co-produziert mit der South London Gallery und dem Berkeley Art Museum.